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Meldungsarchiv

Wir sagen, was wir meinen - und umgekehrt: In der Rubrik "KlarText!" kommentieren Fachleute aus dem Öko-Zentrum NRW das aktuelle Baugeschehen. Den jeweils aktuellen KlarText! finden sie auf dieser Seite; für frühere Einwürfe dieser Art folgen Sie bitte diesem Link.

Sommerlicher Wärmeschutz: Bewahren Sie einen kühlen Kopf - und passiv gekühlte Gebäude

Jan Karwatzki

Auch wenn sich draußen der Herbst breitmacht: Den heißen und sehr trockenen Sommer dieses Jahres werden Sie nicht vergessen haben. In vielen Wohnungen - und insbesondere auch an vielen Arbeitsplätzen – kam es zu deutlich überhöhten Raumtemperaturen, die die Aufenthaltsqualität und zugleich die Leistungsfähigkeit der Betroffenen absinken ließen. Wie gehen wir in Zukunft mit der Überhitzung von Gebäuden um? Das ist die große Frage angesichts des Klimawandels und der damit einhergehenden Aussicht, dass die Zahl der „Hundstage“ weiter zunehmen wird.

Schauen wir dazu mal in die DIN 4108-2. Sie formuliert Anforderungen an den sommerlichen Wärmeschutz von Gebäuden – und zwar in einer Form, dass durch bauliche Maßnahmen Überhitzungen weitgehend vermieden und der Einsatz von Energie zur Kühlung von Gebäuden begrenzt werden soll. Bei Neubauten sowie bei Erweiterungen von mehr als 50 Quadratmetern sind diese Anforderungen (über die Energieeinsparverordnung) auch Teil des öffentlichen Baurechts. Ihre Einhaltung ist somit im Baugenehmigungsverfahren nachzuweisen. Eine starke Stellung kommt der DIN 4108-2 auch deshalb zu, da sie als allgemein anerkannte Regel der Technik auch unabhängig von einer bauordnungsrechtlichen Anforderung zu berücksichtigen ist. Allerdings: Zum Allheilmittel gegen Überhitzungen avancierte sie dadurch nicht - weil die Anforderungen gerade bei Nichtwohngebäuden in der Vergangenheit unzureichend waren, weil sicher auch viele Nachweise fehlerhaft erstellt wurden und weil Maßnahmen zum sommerlichen Wärmeschutz in der Praxis teils gar nicht umgesetzt wurden.

Das ist auch den Normgebern nicht entgangen. Vor rund fünf Jahren, im Februar 2013, wurde die DIN 4108-2 daher mit einer Neufassung nachgebessert: Deutlich strengere Anforderungen an den sommerlichen Wärmeschutz von Nichtwohngebäuden fanden Eingang in die Norm. Bauakteure, die entsprechende Nachweise führen, stellten schnell fest, dass der vereinfachte Nachweis über Sonneneintragskennwerte nun viel schwieriger war. Nehmen wir als Beispiel ein Eckbüro: Hier kann die Einhaltung der nun verschärften Anforderungen im vereinfachten Verfahren oft selbst mit außenliegendem Sonnenschutz und Sonnenschutzglas nicht nachgewiesen werden.

Häufig lässt sich der Nachweis erst mit Ansatz einer Nachtlüftung erbringen - die jedoch bei Nichtwohngebäuden nur über eine mechanische Lüftung gewährleistet werden kann. Hingegen kann mit dem detaillierten Verfahren der Nachweis mittels thermischer Simulation und Berechnung der Übertemperatur-Gradstunden in der Regel mit einem geringeren baulichen Aufwand geführt werden - allerdings erfordert dieses Nachweisverfahren nicht nur spezielle Software, sondern auch spezifisches Fachwissen.

Was keine Norm der Welt beheben kann, auch nicht durch verschärfte Anforderungen, ist das Problem fehlerhafter Nachweise und mangelnder Umsetzungskontrolle. Viel zu oft werden Nachweise durch unrealistische oder unzulässige Ansätze „schöngerechnet“ oder erforderliche Maßnahmen zum sommerlichen Wärmeschutz in der Praxis nicht umgesetzt. Des Weiteren wird gern übersehen, dass die Regelungen der DIN 4108-2 zum sommerlichen Wärmeschutz nur eine Mindestanforderung darstellen, mit der Überhitzungen nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden können. Eine genauere Planung und Bewertung von höheren Anforderungen an die thermische Behaglichkeit im Sommer ist selbstverständlich möglich, erfordert dann aber andere Bewertungsverfahren, beispielsweise das adaptive Komfortmodell der DIN EN 15251, welches auch im BNB-System zur Bewertung des thermischen Komforts verwendet wird.

Planer sollten einen kühlen Kopf bewahren: Auch in Zeiten von Klimawandel und Sommerhitze ist es weiterhin möglich, das Gros der Gebäude in Deutschland so zu konzipieren und zu bauen, dass der thermische Komfort im Sommer auch ohne aktive Kühlung gewährleistet ist. Dafür ist es erforderlich, die Ansprüche der Nutzer an die thermische Behaglichkeit im Sommer frühzeitig abzustimmen, damit bauliche Maßnahmen zum sommerlichen Wärmeschutz - und gegebenenfalls auch Möglichkeiten zur passiven Kühlung - rechtzeitig in die Planung einfließen können.

Viel zu häufig wird - sowohl bei Neubauten als auch im Bestand – leider eine maschinelle Kühlung als die (vermeintlich) einfachste Lösung des Problems angesehen. Sie ist zwar mit hohen Investitionen verbunden, führt aber in der Regel zu einer zuverlässigen Vermeidung von Überhitzungen. Die Kehrseite: Die verursachten (zusätzlichen) Energiekosten und CO2-Emissionen werden von den hitzegeplagten Nutzern gern verdrängt – auch deshalb, weil Klimaschutz-Themen derzeit nicht im Fokus der öffentlichen Debatte stehen. Zusätzlich schlägt der Rebound-Effekt zu: Ist die Klimatisierung „ohnehin“ vorhanden, werden damit oft nicht nur extreme Temperaturspitzen abgemildert, sondern auch an gemäßigten Hitzetagen wird oft unnötig stark gekühlt. Dabei entsteht nicht selten eine hohe Temperaturdifferenz zwischen Innen und Außen, die durch gesundheitliche Risiken und Unbehaglichkeit (Temperatur-Asymmetrie, Zugluft) das Gegenteil dessen erzeugt, was angestrebt war, nämlich unzufriedene Nutzer.

Diese Fehlentwicklung zu verhindern, sollte Ziel aller Planer/innen und Energieberater/innen sein. Mit den verfügbaren Werkzeugen - insbesondere mit der thermischen Gebäudesimulation - haben wir nicht nur die Möglichkeit, sondern - jedenfalls aus meiner Sicht - auch die moralische Verpflichtung, alternative Maßnahmen wie eine Verbesserung des baulichen sommerlichen Wärmeschutzes oder auch die Nutzung passiver Kühlung zu untersuchen, deren Wirksamkeit zu belegen und uns für eine Vermeidung aktiver Kühlung einzusetzen.

Ihr Jan Karwatzki

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