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Meldungsarchiv

Wir sagen, was wir meinen - und umgekehrt: In der Rubrik "KlarText!" kommentieren Fachleute aus dem Öko-Zentrum NRW das aktuelle Baugeschehen. Den jeweils aktuellen KlarText! finden sie auf dieser Seite; für frühere Einwürfe dieser Art folgen Sie bitte diesem Link.

Alles Bio, oder was? Warum Baufachleute den Feuchteschutz als ihr Terrain behaupten sollten

Jürgen Veit, Fachleiter des Öko-Zentrums NRW und Autor dieses "KlarText!"-Beitrages

Neulich in einer Besprechung: Eine Diskussion mit Vertretern des Handwerks; Inhalt ist die Frage, ob eine Qualifizierung zur Schimmelpilzsanierung ausreicht, um den Feuchteschutz ganzheitlich abzudecken. Ehrlich gesagt: Für mich ist das keine Frage. Meiner Ansicht nach wedelt der Schwanz sonst mit dem Hund. Denn: Feuchteschutz ist ein umfassendes Arbeitsgebiet, das ein außerordentlich breites Wissen der Bautechnik erfordert.

Das lässt sich anhand von Beispielen erläutern. So gibt es Schadensfälle, die nur aus Sicht eines Schimmelpilzbefalls bearbeitet werden und bei denen sich Architekten und Handwerker in ihrem baufachlichen Vorgehen von Biologen anleiten lassen. Einem ganzheitlichen Verständnis von Feuchteschutz kann dies nicht zuträglich sein. Gleichwohl haben derartige Fälle zugenommen, weshalb sich eine Frage förmlich aufdrängt, nämlich: Haben sich die Akteure des Bauwesens – also die Handwerker, Architekten und Ingenieure – wichtige Entscheidungskompetenzen abnehmen lassen?

Um die beschriebene Entwicklung präziser zu fassen, ist ein kurzer geschichtlicher Abriss sinnvoll: Die „Väter“ der modernen Bauphysik setzten ab den 1950er Jahren Schwerpunkte im Feuchteschutz beim diffusionsbedingten Tauwasserausfall (siehe Glaser, Jenisch u.a.), bei der Wirkung von Beschichtungen (Klopfer u.a.) und beim Regenschutz (Künzel u.a.). In den 1990er Jahren prägten die Altbausanierung und der Denkmalschutz und damit Feuchte-/Salz-Probleme, Abdichtungs- und Holzschutzfragen sowie komplexe Bauaufgaben (wie die Fachwerksanierung) das Baugeschehen. In den 2000er Jahren wurden dann verstärkt Fälle von Schimmelpilzbefall in Innenräumen auffällig; dies führt dazu, dass sich das Umweltbundesamt dieser Sache annahm. Schon dieser knappe und unvollständige Abriss zeigt, auch wenn er sicher berufsbiografisch eingefärbt ist (der Autor ist Bauphysiker), dass der Feuchteschutz einem stetigen inhaltlichen Wandel unterliegt.

Bauschäden sind meist Feuchteschäden. Ich meine, auch (aber nicht nur) deshalb wären Baufachleute gut beraten, sich der ganzheitlichen Betrachtung des Feuchteschutzes wieder verstärkt anzunehmen und dabei mit ihrer Kompetenz eine leitende Funktion zu beanspruchen. Stattdessen drängt sich der Eindruck auf, dass Klimamanager, Energietechniker, Ökologen oder Biologen die Bauexperten zunehmend vor sich hertreiben. Wohlgemerkt: Das soll keine Kritik oder gar Diskriminierung der genannten Disziplinen sein – diese bringen wichtige Impulse ein! Es fehlt aber eben häufig das Gesamtverständnis. Die genannten Disziplinen stoßen damit in Lücken, die die Bauexperten nicht aktiv füllen.

Zurück zum Feuchteschutz: Bemessungswasserstand, Abdichtungen, Salzbelastungen, Regenschutz, Raumklima, Konstruktionsaufbauten, Holzschutz, Niederschlagswasser und Wärmebrücken, zudem Planungsanforderungen, technische Regelwerke, Planung, Ausschreibung, Ausführung, Untersuchungs- und Berechnungsmethoden … All dies allein aus der Sicht von Schimmelpilzbefall aufzuziehen, ist - vorsichtig formuliert - nicht seriös. Es gibt jedoch zahlreiche Bereiche, die genau eine solche Tendenz zeigen, angefangen von der Praxis der Gerichte (Einschaltung von Sachverständigen für Schadstoffe in Innenräumen, wenn es um Feuchteschäden geht) über die Entwicklung einiger Regelwerke, die eine ganzheitliche Sicht vermissen lassen (z.B. Fachbericht DIN 4108-8) bis hin zu Empfehlungen des Umweltbundesamtes. Alle diese Beispiele haben sehr wohl ihre Berechtigung; die daran Beteiligten sollten aber die notwendige Ganzheitlichkeit nicht aus dem Auge verlieren.

Was also tun? Denken wir einmal an einen traditionellen Zimmerer. Dieser sollte wissen, wie herum er ein Viertelholz legen muss, wenn daraus eine neue Schwelle bei einem Fachwerkhaus entstehen soll. Seine Beratung und seine Leistung als Handwerker werden nicht besser, wenn der Zimmerer zwölf Schimmelpilzarten aufsagen kann. Er sollte auch wissen, wie er sich bei Schimmelpilzbefall verhalten sollte. Zur Beratung kann er Biologen unterbeauftragen. Den Handwerkskammern möchte ich sagen: Bitte nicht die Kundschaft degradieren, indem Sie Qualifizierungen unterstützen, die Feuchteschutz nicht als ganzheitliche Aufgabe sehen. Eine Handlungsorientierung, die sich bei Feuchteschäden (mit und ohne Schimmel) nur an der Schimmelpilzsanierung orientiert, schwächt den Feuchteschutz als ganzheitliches Handlungsfeld - und auch die Leistungsfähigkeit der Baufachleute.

Grundsätzlich ist festzustellen, dass es keine einheitliche Definition dazu gibt, was im Bauwesen unter Feuchteschutz zu verstehen ist. Als Notbehelf wird daher häufig zurückgegriffen auf die Online-Plattform „Baunetzwissen“. Diese Beschreibung berücksichtigt aber nicht die baustofflichen Wechselwirkungen (Salze, Holzschutz, Beschichtungen, etc.); zudem fehlen insbesondere die Handlungsfelder in der Altbausanierung, wie sie z.B. der WTA sehr gut erfasst.

Erinnern wir uns an den tragischen Einsturz eines Eislaufhallendaches in Bad Reichenhall mit seinen 15 Toten. Analysiert werden müssen bei solchen komplexen Konstruktionen (mindestens) Strahlungswärmeausgleich, Lüftung, Raumluftfeuchte, Holzschutz, Leim, Bauteilaufbau und Inspektion – solche Fälle lassen sich daher nur mit einem ganzheitlichen Verständnis von Feuchteschutz vermeiden. Eindringlicher könnte ein Plädoyer nicht formuliert werden.

Ich würde mich freuen, wenn die aus der derzeitigen Turbo-Bautätigkeit resultierenden Feuchteschäden friedlich, interdisziplinär und vor allem im Verständnis eines ganzheitlichen Feuchteschutzes wieder beseitigt würden. Seien wir vorbereitet auf diese Aufgabe.

In diese Sinne wünscht Ihnen (feucht)fröhliche Weihnachten

Ihr Jürgen Veit

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