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"Es sagt einem ja keiner was ....": Konsequenzen der geänderten Arbeitsstättenverordnung

Jürgen Veit

Die letzte Änderung der Arbeitsstättenverordnung bringt eine sehr wichtige Neuerung, die sich nur langsam herumspricht: Die Arbeitsstättenregel ASR A 3.5 formuliert konkrete Forderungen für die Raumtemperatur.
Bedingt durch eine Reihe von Gerichtsurteilen (OLG Bielefeld, OLG Hamm, usw.), hat sich in der Planungspraxis die „26°-Grenze“ eingenistet und damit in vielen Fällen zu unnötigem maschinellen Kühlaufwand geführt. Dass die Gerichte aus fachlicher Sicht Fehlurteile gefällt haben, hat nun Jahre gekostet, um die Vernunft wieder in die Planungspraxis zu bringen. Es war nicht das erste Mal, dass Fehlinterpretationen von Richtern und Sachverständigen sich festgesetzt haben und selbst mit honorigem Sachverstand (z.B.: [1]) nicht weg zu kriegen waren.
Die Arbeitsstättenregel ASR A 3.5 definiert seit Juni 2010 ein Stufenmodell, das auch für Arbeitgeber umsetzbar sein sollte. Nicht jeder Betrieb hat eine Arbeitsschutzabteilung, die sich um die sommerliche Überhitzung kümmern kann. Darauf nimmt die Regel Rücksicht.
Die Arbeitsstättenregel sei zur Lektüre empfohlen und ist hier als Download zu finden.
Für die Planungspraxis hat diese Regel Konsequenzen. Maschinelle Kühlung ist nicht zwingend notwendig, um die 26°C bzw. einen Temperaturabstand zur Außenlufttemperatur zu sichern. Die neue Regel geht immer noch von dem Grenzwert der 26°C aus, da er für die Leistungsfähigkeit des Menschen eine wichtige Grenze markiert. Allerdings darf die Innentemperatur bis auf 35°C steigen. Bei Temperaturen zwischen diesen beiden Bereichen werden Maßnahmen empfohlen, die der Arbeitgeber entsprechend seiner Gefährdungsbeurteilung anwenden soll.
Die Regelung bezieht sich nicht auf den sommerlichen Mindestwärmeschutz der DIN 4108 Teil 2 – die übrigens neu mit Anpassungen in diesem Punkt vorliegt. Diese Norm gehört zum Baurecht, während die Arbeitsstättenregel in das Arbeitsrecht fällt. Was der Planer werkvertraglich schuldet, hängt also davon ab, welche Nutzung des Gebäudes planmäßig vorgesehen ist.
Um planerisch in Bürogebäuden ohne maschinelle Kühlung für die Arbeitsstättenregel Vorsorge zu treffen, hilft  - auch! - die DIN EN 15251. Sie definiert mit der Außentemperatur gleitende Komfortgrenzen und berücksichtigt damit ein adaptives Modell für die Temperaturverhältnisse. Der Aufwand für die Anwendung dieser Norm ist erheblich: Den Ausgangspunkt bildet eine thermische Gebäudesimulation. Die DIN EN 15251 bildet im zweiten Schritt dann die Grundlage, um die Ergebnisse daraufhin zu überprüfen, ob sie den Komfortgrenzen entsprechen. Gegebenenfalls muss die Planung angepasst werden, um das Ziel zu erreichen.
Ach ja, da ist noch die Überschrift „Es sagt einem ja keiner was". Den Satz bekam ich zu hören, als es neulich mal wieder darum ging, dass man doch die Büroräume klimatisieren müsse – mit Verweis auf das so genannte „Bielefelder Urteil“.
Zunächst hatte es der Bundesbau mit seinem Klimaerlass angestrebt, die maschinelle Kühlung gering zu halten [2], dann haben die BNB-Steckbriefe zum Leitfaden Nachhaltiges Bauen auch das Vorgehen über die DIN EN 15251 definiert (siehe hier). Jetzt haben wir also insgesamt die Möglichkeit, durch ein – zugegebenermaßen  – systematisches, aufwändiges Planungsvorgehen noch aufwändigere Investitionen und Betriebskosten zu vermeiden.
Gemäß einer Studie des Umweltbundesamtes steigen die Hitzetage signifikant, aber noch mehr nimmt die Kühlung von Gebäuden zu – Grund genug, um nach intelligenten Lösungen zu suchen. Selbstverständlich ist nicht nur die Gebäudeplanung betroffen, sondern auch die Stadt- und Raumplanung (siehe hier).
In diesem Sinn: Diskussionen willkommen, aber bleiben wir cool.

Ihr Jürgen Veit

[1] Hausladen, G.; Hellwig, R.T.; Nowak, W.; Schramek, E.-R.; Grothmann, T.: 26°C – Falsch verstandener Arbeitsschutz? Bauphysik 26(2004), Heft 4, S. 197-204
[2] Klimaerlass BMVBS 2008: Richtlinie zu baulichen und planerischen Vorgaben für Baumaßnahmen des Bundes zur Gewährleistung der thermischen Behaglichkeit im Sommer. Schreiben des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung vom 5.12.2008.

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