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Meldungsarchiv

Die Zeit ist reif für den Wechsel: Wie viel Luft braucht ein energieeffizienten Gebäude?

Jürgen Veit, Fachleiter des Öko-Zentrums NRW

Minimierte Infiltrationsluftwechsel, Innenraum-Schadstoffe, mechanische Lüftung,  Baustoffkonzepte: Um es musikalisch zu sagen: wenn diese vier "Akkorde" erklingen, weckt das - insbesondere in Passivhaus-Kreisen - Emotionen. Mitunter entzündet sich gar Streit darüber, dass bei mechanischer Lüftung per se gute Luftqualität erreicht wird. Eine solche Verkürzung wird der Sachlage bei Lüftungskonzepten und Schadstoffen aber nicht gerecht. Schauen wir doch mal genauer hin.

Erstens: Lüftungskonzepte

In sehr gut gedämmten Gebäuden sollen zur Energieeinsparung, zur Vermeidung von zu trockener Luft im Winter und aus Gründen der Wirtschaftlichkeit möglichst niedrige Luftwechselraten realisiert werden.
Selbstverständlich treten bei mechanischer Lüftung - bedingt durch den kontinuierlichen Betrieb - keine so hohen Spitzenwerte der CO2-Konzentration auf wie bei Fensterlüftung. Das bedeutet aber noch nicht, dass allein mit der Entscheidung für eine mechanische Lüftung alle Anforderungen erfüllt sind. Die Lasten, die durch Lüftung abgeführt werden müssen (Schadstoffe, Feuchte, überschüssige Wärme, etc.), können zu unterschiedlichen Lüftungskonzepten führen.
So ist zum Beispiel zu klären, ob die Lasten durch Menschen, Geräte oder Pflanzen entstehen und ob Speichereffekte (wie bei Feuchte und Wärme) oder temporäre Schwankungen eine Rolle spielen. Zudem können durch zu große Lüftung Mindestwerte unterschritten werden (z.B. relative Luftfeuchte im Winter oder zu starke Abkühlung durch Nachtlüftung beim sommerlichen Wärmeschutz).
Planer sollten es sich deshalb nicht zu einfach machen mit der Problemlösung und Systemfindung: Lüftungskonzepte müssen individuell festgelegt werden. Mechanische Lüftungsanlagen konnten bislang leichter als bauliche Lüftungskonzepte bemessen werden, haben sich aber in vielen Beispielen als "Knackpunkt" hinsichtlich der Lebenszykluskosten erwiesen: Die Wirtschaftlichkeit einer mechanischen Lüftung entscheidet sich nicht allein an der Energiebilanz!

Zweitens: Schadstoffe in der Innenraumluft In der DIN EN 15251

"Eingangsparameter für das Raumklima zur Auslegung und Bewertung der Energieeffizienz von Gebäuden" ist ein wichtiger Grundgedanke formuliert: Von dem Außenluftvolumenstrom dient ein Teil zum Ablüften der von den Personen verursachten Emissionen wie CO2 und der andere Teil zum Ablüften der Emissionen aus den Baustoffen. Um schadstoffarm zu bauen braucht es eine besondere Vorgehensweise, wie sie im Nachhaltigen Bauen definiert ist (z.B. BNB, DGNB).
Bei zu niedrigen Luftwechseln - ungeachtet ob mechanische Lüftung oder Fensterlüftung - können inakzeptable Schadstoffkonzentrationen im Raum entstehen. Den erforderlichen Außenluftvolumenstrom kann man daher nicht allein an der CO2-Konzentration oder feuchtetechnisch über den niedrigsten fRsi-Wert der Gebäudehülle bemessen.
Grundsätzlich stellen sich drei Fragen bei der Vermeidung von Innenraumschadstoffen:
1) Warum bedarf es einer besonderen Vorgehensweise zur Vermeidung von Schadstoffen in der Raumluft?
2) Ist die schadstofffreie Innenraumluft keine geschuldete Bauqualität gemäß der Landesbauordnung?
3) Welches Verfahren garantiert schadstoffminimierte Innenraumluft?

Die LBauO regelt in §20 die zugelassenen Bauprodukte. Nach § 14 müssen Gebäude so errichtet werden, dass keine Gefahren oder unzumutbare Belästigungen für die Nutzer entstehen. Mit der Einhaltung dieser Vorgabe wird davon ausgegangen, dass auch § 14 der LBauO erfüllt wird.
In der Praxis hat sich gezeigt, dass auch bei der Verwendung von zugelassenen Bauprodukten Innenraumkonzentrationen für einzelne Stoffe auftreten können, die über den Empfehlungen der Innenraumhygiene-Kommission des Umweltbundesamtes liegen.
In der Praxis sind Messwerte für Innenraumkonzentrationen nicht konkret vorhersagbar. Dies bedeutet: Man kann bei einer bestimmten Baustoffauswahl nicht sagen, welche Schadstoffkonzentration im Raum zu erwarten ist. Es ist lediglich möglich, durch eine besondere Auswahl schadstoffminimierter Baustoffe Vorsorge zu treffen, um die Grenzwerte einzuhalten. Je differenzierter diese Vorsorge getroffen wird, desto sicherer erreicht man niedrige Werte.
Es braucht also ein präzises, abgestimmtes Baustoffkonzept, in dem die Schadstoffarmut der Produkte ein wichtiger Teil ist.
An erster Stelle eines Baustoffkonzepts steht die technische Eignung der Produkte, dann folgen Gesundheit, Umweltschonung und Ressourceneffizienz (Energie, Stoffe/Kreisläufe, Naturerhalt). Somit ergeben sich folgende Punkte für ein Baustoffkonzept, anhand dessen der Bauteilkatalog eines Gebäudes abzuarbeiten ist:

  • angemessene technische Verwendung der Baustoffe und baukonstruktive Umsetzung
  • Vermeidung von Schadstoffen (Grenzwerte der Bauprodukte) und Sicherung der Innenraumhygiene
  • Minimierung der Risiken für die globale Umwelt (graue Energie, Ressourcenschonung)
  • Rückbaufähigkeit, Trennung und Verwertung der Bauteile und Baustoffe


Fazit also, anhand der einleitend genannten Begriffe:

minimaler Infiltrationsluftwechsel
... ist unter Beachtung fallspezifischer Grenzen anzustreben.
Was den Anteil der Luftdurchlässigkeit der Konstruktionsfugen angeht, so ist eine höchst mögliche Dichtheit anzustreben. Was die Schließfugen der Fenster angeht, so ist darauf zu achten, dass ihr Einfluss berücksichtigt werden muss, wenn es darum geht, einen personenunabhängigen Mindestluftwechsel planmäßig sicherzustellen. Wenn es dazu keiner elektrischen Antriebsenergie bedarf, ist das nicht grundsätzlich nachteilig.
Schadstoffe in Innenräumen
... sollten ungeachtet des Lüftungskonzepts minimiert werden.
Schadstoffkonzentrationen in der Innenraumluft unterhalb der Richtwertempfehlungen des Umweltbundesamtes sind kein selbstverständliches Planungs- und Bauergebnis.
mechanische Lüftung ... sollte keine grundsätzlich geltende Vorgabe sein.
Die Situation der Raumlasten, die durch Lüftung abzuführen sind, sollte individuell bewertet werden. Mit modernen Planungswerkzeugen lassen sich auch rein bauliche Lösungen oder auch Hybridlüftungen finden, die insbesondere die Folgekosten von mechanischen Lüftungsanlagen minimieren können.
Baustoffkonzepte ... sollten nach der Vorgehensweise realisiert werden, die im nachhaltigen Bauen - z.B. im BNB - eingeführt ist.
Passivhausbau ist ein allein auf den Energiebedarf im Gebäudebetrieb fokussiertes Baukonzept. Für das nachhaltige Bauen ist das längst nicht ausreichend. Aus einer umfassenden Sicht der Gesundheitsvorsorge und der Schonung stofflicher, energetischer, finanzieller und natürlicher Ressourcen sind Baustoffkonzepte unverzichtbar.

Ihr
Jürgen Veit

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