Infothek

 

Infothek

Meldungsarchiv

Keine Inklusion ohne Raumakustik: Hinweise zur Neufassung der DIN 18041 - insbesondere an öffentliche Bauherren

Jürgen Veit, Fachleiter des Öko-Zentrums NRW

Inklusion: Den Begriff kennen Sie. Aber alle Leser dieser Zeilen haben ihre eigenen Assoziationen dazu, gerade in NRW, wo der Begriff derzeit die Schulpolitik prägt. Im Kern meint Inklusion – die sich übrigens vom lateinischen „Enthaltensein“ ableitet -, dass alle Menschen selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können sollen. Demnach müssen sich Menschen mit Behinderungen nicht integrieren und an ihre Umwelt anpassen, sondern umgekehrt soll diese sich an sie anpassen. Stellen Sie „gebaute“ vor das Wort „Umwelt“ und schon wird klar, welchen Anforderungen Inklusion auch an den Baubereich stellt.

Inklusion ist der gesetzlich verordnete Leitbegriff für die Barrierefreiheit von Gebäuden [1]. Dabei sollte man keineswegs „nur“ an körperlich oder geistig behinderte Menschen denken, sondern auch daran, dass wir alle in Lebensumstände oder -abschnitte kommen können, in denen wir nicht ohne fremde Hilfe am öffentlichen Leben teilhaben könnten, hätten wir nicht barrierefreie Infrastrukturen.

Wichtige Felder der Anwendung von Inklusion sind Schulen, Kindergärten und Anlaufstellen für Bürger. Auch hier sei vor eindimensionaler Betrachtung gewarnt. Es geht nicht nur um die Treppe in den ersten Stock: In den genannten Bereichen kommt es auf Kommunikation und Verständlichkeit an. Dafür ist die auditive Wahrnehmung enorm wichtig – und die wiederum hat sehr viel mit Raumakustik zu tun. Den signifikanten Einfluss der Raumakustik haben Studien umfassend nachgewiesen [2]. So führt ein eingeschränktes Sprachverständnis infolge schlechter Raumakustik sehr schnell zu Ermüdung [3] - was dann beispielsweise Schüler mit Migrationshintergrund deutlich benachteiligt.

Raumakustik ist daher zu Recht ein fester Bestandteil des barrierefreien Bauens. Schon seit 1968 gibt es dafür die Norm DIN 18041 „Hörsamkeit in kleinen und mittelgroßen Räumen“. Diese liegt seit diesem Januar in überarbeiteter Fassung als Entwurf vor [4]. Viel umfassender (was die betroffenen Räume betrifft) und konkreter als bisher bezieht sich die Überarbeitung auf Barrierefreiheit und Arbeitsschutz [5]. Seit das Bundesbau­ministerium sie im „Leitfaden Barrierefreies Bauen“ [6] als a.a.R.d.T gelistet hat, sollte auch an dieser Stellung kein Zweifel mehr bestehen. Um es deutlich zu sagen: Wer in öffentlichen Gebäuden (nicht nur in Klassenzimmern) die DIN 18041 nicht anwendet, plant fehlerhaft. Punkt.

Das ist keineswegs neu. Erstaunlicherweise ist aber noch kein einziges Urteil bekannt geworden, in dem ein Planer zur Rechenschaft gezogen worden ist, weil er – was weit verbreitet ist - die Norm nicht berücksichtigt hat. Dabei hat das Personal von Kindertagesstätten gute Gründe für eine Klage (und gute Chancen vor Gericht) - ist doch der Zusammenhang zwischen dortigen gesundheitlichen Einschränkungen und Frühverrentungen und der Raumakustik untersucht worden [7]. Der Entwurf der DIN 18041 verstärkt den Zusammenhang mit Arbeitsschutz und Barrierefreiheit. Die Forschung hat hierzu ihre Hausaufgaben gemacht. Grundsätzlich gilt das auch für die Politik: Durch die Verbindlichkeit der Inklusion ist der rechtliche Rahmen vorhanden. Was fehlt, ist einzig die Umsetzung, und das trotz besserer Einsicht: Raumakustik verbessert die Inklusion erheblich, ist wirtschaftlich darstellbar [8] und planungsrechtlich verbindlich. Vor dem Hintergrund der Inklusion sollte der Entwurf der DIN 18041 genau geprüft werden. Gerade öffentliche Bauherren - wie die Kommunen – täten gut daran, sich damit zu beschäftigen [9]. Noch bis zum 9. April 2015, dem Ende der Frist für Stellungnahmen, haben sie Gelegenheit, ihre Belange einzubringen. Die Norm wird diese Bauherren mehr als bisher bei allen Neu­bauplanungen und Innenraumsanierungen betreffen!

Die Norm erweitert und differenziert die Anforderungen und Planungshinweise. Das Berechnungs­verfahren ist ausgegliedert; hierzu wird auf die DIN EN 12354 Teil 6 [10] - eine Norm, die sich an Fachingenieure für Akustik richtet. Der Grund ist, dass man bei der vereinfachten Formel für die Nachhallzeit laut der bisherigen DIN 18041 die Gefahr von Fehlanwendungen sah.

Ein weiterer Effekt des Entwurfs für die Praxis ist, dass es zur Umsetzung von Inklusion in Klassen­räumen nicht mehr reicht, Akustikdecken einzusetzen. Hier muss differenzierter geplant werden. Auch diese Erkenntnis ist eigentlich nicht neu, aber die Praxis hat gezeigt, dass es hier zu Fehlanwendungen kommen kann.

Ihr Jürgen Veit

Veranstaltungshinweis zum Thema - Save the Date:

In seiner alljährlichen Veranstaltung für Kommunen, die diesmal am 24. April 2015 läuft, wird das Öko-Zentrum NRW die Inhalte und Konsequenzen der neuen DIN 18041 in einem Beitrag zur Diskussion stellen.


Anmerkungen:

[1] UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, für Deutschland in Kraft getreten am 26.03.2009, und Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen vom 27.04.2002, geändert am 19. Dezember 2007. Darin: „§4: Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchs­gegen­stände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete ­Lebensbereiche, wenn sie für behinderte Menschen / in der allgemein üblichen Weise, / ohne besondere Erschwernis und / grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind.
[2] Siehe z.B.: Lazarus, H. u.a.: Akustische Grundlagen sprachlicher Kommunikation. Berlin und Heidelberg 2007.
[3] Durch unnötig hohe Höranstrengung wird ein großer Teil der Aufmerksamkeit gebunden; in fortgeschrittenen Schulstunden erfordert dies fast alle Energie der Schüler. Wenn die Schüler in einer Fremdsprache unterrichtet werden, ist aus diesem Grund die Höranstrengung schon hoch und Mängel in der Raumakustik verstärken diesen Effekt deutlich.
[4] neuer Titel: DIN 18041 Hörsamkeit in Räumen - Vorgaben und Hinweise für die Planung
[5] Insbesondere auf die extra-aurale Wirkung, die z.B. in Büros, Krankenhäusern etc. Stress erzeugt
[6] http://www.bmub.bund.de/fileadmin/Daten_BMU/Pools/Broschueren/barrierefreies_bauen_leitfaden_bf.pdf
[7] Zusammenfassung, Literatur und Links siehe: inqa.de: Lärm in Bildungsstätten http://www.inqa.de/SharedDocs/PDFs/DE/Publikationen/laerm-in-bildungsstaetten-pdf.pdf?__blob=publicationFile
[8] Stephenson, U.: Punkte für Pisa – und dennoch Geld sparen. Lärmbekämpfung 4 (2009), Nr. 4, S. 174-176.
[9] Zitat aus der E DIN 18041: Im Sinne des inklusiven Bauens sind von Beginn der Planung an die Bedarfe von Personen mit einge­schränk­tem Hörvermögen zu berücksichtigen. Nicht nur die typischen „Veranstaltungsräume“ dienen der Kommunikation, sondern Kommunikation findet überall dort statt, wo sich Menschen begegnen, z. B. auch in Fluren, Foyers, Pausenhallen, Mensen u. Ä. Die Norm berück­sichtigt den aktuellen Kenntnisstand bezüglich Hörsamkeit und Inklusion.
[10] DIN EN 12354 Teil 6 Bauakustik - Berechnung der akustischen Eigenschaften von Gebäuden aus den Bauteileigenschaften - Teil 6: Schallabsorption in Räumen

AKTUELLE TERMINE

04.05.2018

+++Fernlehrgang+++

energieplaner24 – Hamm

01.06.2018

+++Fernlehrgang+++

gebäudeenergieberater24 - Hamm

07.06.2018

+++Tagung+++

FEUCHTESCHUTZKONGRESS 2018:

15.06.2018

+++Fernlehrgang+++

gebäudeenergieberater24 - Speyer