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"Nachhaltige" Gebäude bestellen: Anmerkungen zum Begriffswirrwarr bei der Bewertung von Planungen

Jürgen Veit, Fachleiter des Öko-Zentrums NRW

Sie werden vielleicht auch schon Bekanntschaft gemacht haben mit den Zuschlagkriterien laut „Vergabeordnung für freiberufliche Leistungen“ (VOF). Häufig begegnen uns folgende Hauptkriterien: Funktionalität, Architekturqualität, Wirtschaftlichkeit, Machbarkeit, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit. Die Reihenfolge kann wechseln - aber Nachhaltigkeit steht meist am Ende.

"Nachhaltigkeit" – welch überstrapazierter Begriff, den man daher kaum noch hören kann. Jedoch: „Nachhaltiges Bauen“ ist in den letzten Jahren zu einem System präziser Regeln entwickelt geworden, die ein quantifiziertes Wertesystem für die Baupraxis ergeben. Was fehlt, ist nicht mehr die „Theorie“ – sondern die Routine in der Anwendung.

Die öffentliche Hand soll Vorbild sein, zögert aber, wenn es in ihrer Vergabepraxis um den Faktor Nachhaltigkeit geht. Dabei liegen hierfür sichere Grundlagen vor, in NRW beispielsweise mit dem Tariftreue- und Vergabegesetz (TVgG), das die Berücksichtigung von Umweltfreundlichkeit und Energieeffizienz bei der Beschaffung zwingend verlangt. Über die zugehörige Rechtsverordnung kann für die Umsetzung das „Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen“ (BNB) des Bundes herangezogen werden.

Mit der EU-Richtlinie 2004/18/EG von 2004 bestehen bei der Auftragsvergabe umfassende Möglichkeiten, Umwelteigenschaften einer angebotenen Bauleistung auch bei der Wertung als Zuschlagskriterium zu berücksichtigen. Dies geht für Untersuchungen zur Wirtschaftlichkeit sogar so weit, dass selbst (Zitat aus der Richtlinie) "Kosten angesetzt werden können, die externen Effekten auf die Umwelt zugeschrieben werden, wie einer durch die Gewinnung der in der Ware verwendeten Rohstoffe oder die Ware selbst oder ihre Herstellung hervorgerufenen Umweltverschmutzung" (Beispiel: pauschale Emissionsfolgekosten von 60 Euro je Tonne CO2-Emission).

Zurück zu den Zuschlagskriterien: Nachhaltigkeit beinhaltet Funktionalität, Architekturqualität, Wirtschaftlichkeit, Machbarkeit und Energieeffizienz. Für jeden einzelnen dieser Begriffe lässt sich mindestens ein Kriterium nennen, mit dem die Qualität einer Planung messbar ist. Das meint nicht nur nackte Zahlen: Qualitätsstufen oder Regeln für einen Abstimmungsprozess führen ebenfalls zu verifizierbaren Ergebnissen. Komplexer ist die Anwendung von Kriterien, wenn lediglich eine Entwurfsplanung vorliegt. Aber gerade hier zeigt der Katalog von Nachhaltigkeitskriterien seine Qualitäten und liefert Prüfsteine, um alle erdenklichen Querverbindungen der umgesetzten Teilkonzepte erfassen zu können.

"Das geht doch auch ohne und überhaupt haben wir schon immer nachhaltig gebaut!" Auch solche Stimmen hört man gelegentlich -  und möchte unwillkürlich entgegnen: „Warum wehren Sie sich dann dagegen, dies messen und bestätigen zu lassen?“

Abschließend noch einige Gedanken zum Begriff der "Energieeffizienz". Ist damit gemeint, dass effektiv möglichst wenig Energie benötigt werden soll? Bedeutet Energieeffizienz nicht, dass mit optimaler Gebäudetechnik ein möglichst niedriger Nutzenergiebedarf erreicht werden soll? Und lädt der Begriff einer "großen“ Energieeffizienz nicht geradezu dazu ein, die Suffizienz zu vernachlässigen und Rebound-Effekte anzustreben? Parallel wird die TGA aber immer komplexer und die Resilienz - sprich: die Robustheit der Lösungen - schlechter.

Oder ist mit Energieeffizienz gemeint, dass wir mit der verfügbaren Energieressource möglichst viel „anfangen“? Falls ja: Müssten wir dann nicht statt einer energetischen besser eine exergetische Bewertung unserer Planungen durchführen? So was gibt es auch, siehe hier.

Nachhaltiges Bauen - z.B. im BNB – hat folgenden Ansatz: Grundlage ist immer eine Betrachtung über den gesamten Lebenszyklus. Gemessen wird die ökologische, globale Wirkung der Emissionen, die bei der Herstellung und Nutzung eines Gebäudes anfallen. Zusätzlich wird die Inanspruchnahme von fossilen und erneuerbaren Energieressourcen bewertet. Das Verfahren mit dem Referenzgebäude nach EnEV wird ausgeklinkt: Es werden absolute Werte verwendet, weil nicht die Planung bestraft werden soll, die eine energetisch günstige Kubatur verwendet. In diesem Sinn heißt energetisch optimieren, alles gesamtheitlich zu betrachten. Die EnEV-Unterschreitung ist dafür ein unvollständiger Maßstab, der weder Kosten, Komfort, Umweltschutz noch die Inanspruchnahme der Ressourcen wirklichkeitstreu abbildet.

Fazit: Nachhaltigkeit braucht als Zuschlagskriterium nicht extra erwähnt zu werden - es gehört sozusagen alles dazu. Folglich ist der Katalog der Nachhaltigkeitskriterien der geeignete Werkzeugkasten, um Zuschlagskriterien zu definieren. Um dies auch einzusetzen, sind „prinzipiell“ alle rechtlichen Voraussetzungen da. „Prinzipiell“ deshalb, weil die Praxis dafür sich noch verbreitern muss. Das erkennt man an den nicht abgeklärten Begrifflichkeiten. Manchmal sind es auch einfach nur andere Sichtweisen – wenn beispielsweise kirchliche Bauherren von der Bewahrung der Schöpfung sprechen statt von Nachhaltigkeit. Beides ist nicht gleichzusetzen, aber die „Bau-Theologie“ wäre dann wieder etwas ganz Neues …

Derweil arbeiten wir weiter am Nachhaltigen Bauen - gerne auch gemeinsam mit Ihnen

Ihr Jürgen Veit

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