Infothek

 

Infothek

Meldungsarchiv

Fällt er? Steigt er? Oder beides zugleich? Über die Schwierigkeiten der Bauwelt mit dem Grundwasserspiegel

Autorin dieses "KlarText!": Dipl.-Ing. (FH) Nina Barzani, Architektin und Passivhausplanerin im Öko-Zentrum NRW

Klimawandel auch in Deutschland: Steigende Temperaturen, lange Trockenperioden und Starkregen – das sind nur einige der Folgen. Hochwasser-Fibeln sprießen wie Pilze aus dem Boden und meist stehen Schutzstrategien gegen Oberflächenhochwasser darin im Vordergrund. Hingegen werden nachträgliche Maßnahmen zur Ertüchtigung bestehender Gebäude oder zur Schadensbeseitigung meist kläglich vernachlässigt.

Ein ebenso ungelöstes wie sensibles Thema, das in diesem Zusammenhang gerade in Deutschland in der Diskussion steht – jedoch noch viel zu wenig Beachtung findet – sind steigende oder sinkende Grundwasserspiegel. Richtig gelesen: steigende oder sinkende. Denn die Informationen hierzu sind widersprüchlich. Gilt gar beides gleichzeitig?

Das wohl größte Problem sind verlässliche Aussagen, denn Informationen und Daten sind kaum zu finden. Die bestehenden Kartierungen sind in ihrer Darstellung grob, dabei kann der Grundwasserstand schon auf dem Nachbargrundstück deutlich abweichen. Als Planungsgrundlage eignen sich diese Daten deshalb nur bedingt. Die Folgen veränderter Grundwasserspiegel finden zudem nur vereinzelt Beachtung. Anhand zahlreicher Beispiele können wir zwar feststellen, dass ein Problem des mangelhaften Feuchteschutzes existiert. Jedoch sind Quantität und Qualität der Vernässung im Gebäudebestand nicht genau bekannt.

Gerade in Innenstädten ist eine flurnahe Entwässerung und damit ein flurnaher Grundwasseranstieg häufig sogar gewünscht, nämlich zur Kühlung in „Tropennächten“ – nicht zuletzt wegen der gesundheitlichen Belastungen für die Anwohner, die solch hohe Temperaturen mit sich bringen. Aber auch veränderte Niederschläge beeinflussen das Steigen und Sinken des Grundwasserspiegels. Statt gleichmäßig verteilte Niederschläge gibt es immer häufiger Starkregen – wann und wo, ist nicht vorhersehbar. So verwandelte sich Münster in einen großen See, als im Sommer 2014 binnen sieben Stunden 300 Liter Niederschlag pro Quadratmeter auf die Stadt niederprasselten. Solche Ereignisse treten je nach Gebiet unterschiedlich stark auf und führen auch bei nur zeitweisem Grundwasseranstieg zu erheblichen Gebäudeschäden. Die Belastung, die dabei auf den Keller im Bestand einwirkt, ist abhängig von der Bodenbeschaffenheit und dem Funktionieren eventuell vorhandener Altabdichtungen.

In größeren Städten kommt hinzu, dass immer mehr Flächen bebaut werden – und das insbesondere auch in die Tiefe. Das Grundwasser wird verdrängt und staut auf. Kanäle sind dichter geworden, das Grundwasser kann nicht mehr einsickern und abfließen – auch das ein Grund für kletternde Spiegel. Generell hat sich das Umweltbewusstsein verändert und es wird in den Haushalten sparsamer mit Wasser umgegangen. Wenn Industrien schließen, die zuvor erhebliche Mengen an Grundwasser in einem Gebiet entnommen haben, oder wenn sie neue, effizientere Verfahren verwenden, wirkt sich dies ebenfalls enorm auf den Grundwasserspiegel aus.

Beim Neubau besteht die Herausforderung für Planer vor allem darin, die Veränderungen bei der Festlegung des Bemessungswasserstandes zu berücksichtigen. So weit, so klar. Aber wie lässt sich unter den genannten Gegebenheiten den Bemessungswasserstand überhaupt noch verlässlich festlegen?

Bei Sanierungen verschärft sich die Problematik noch, denn je nach Schadensausmaß muss der Bauherr mit Kosten von mehreren 10.000 Euro rechnen. Das Abpumpen von Grundwasser beispielsweise kann keine dauerhafte Lösung sein – doch wer zahlt, wenn das Haus plötzlich im Grundwasser steht, weil die örtliche Brauerei ihre Produktion eingestellt hat? Nicht nur, dass ein Keller wegen durchfeuchteter Bauteile und damit einhergehender Schimmelbildung nicht genutzt werden kann. Auch die Standfestigkeit eines Gebäudes, dessen Baustoffe und Statik nicht auf die geänderte Wasserbelastung ausgelegt sind, kann fraglich sein.

Prinzipiell ist das ein heikles Thema: Welcher Hausbesitzer möchte schon an die große Glocke hängen, dass sein Keller nass ist und sich im Haus vielleicht schon der Schimmel breit macht? Und, noch drastischer: Welcher Hausbesitzer freut sich über eine Karte, auf der sein Grundstück in einem Gebiet mit prognostiziertem Grundwasseranstieg liegt? Auf den Marktwert des Hauses wirkt sich dies ganz sicher nicht positiv aus – im schlimmsten Fall lässt es sich gar nicht mehr verkaufen. Zudem könnte es sein, dass Versicherungsgesellschaften keine Policen mehr für Gebäude in diesen Gebieten abschließen.

Fazit: Bis diese Thematik in den Fokus der Gesellschaft - und vor allem den der Kommunen - rückt, wird wohl oder übel noch einige Zeit vergehen. Um sie systematisch angehen zu können, ist aus Sicht des Öko-Zentrums NRW eine genauere, kleinteiligere hydrografische Kartierung unverzichtbar. Denn langfristig wird sich die Zahl der Gebäudeschäden durch Veränderungen (in welche Richtung auch immer …) bei den Grundwasserständen kontinuierlich erhöhen.

Veranstaltungstipp zum Thema:

Mit veränderten Grundwasserständen und der Frage, wie man bei einer Sanierung systematisch mit den Folgen umgeht, beschäftigt sich auch der diesjährige Feuchteschutzkongress des Öko-Zentrums NRW. Er läuft am 2. Juni in Hamm.

Weitere Informationen finden Sie auf der Website zum Kongress.

AKTUELLE TERMINE

05.10.2018

+++Fernlehrgang+++

gebäudeenergieberater24 - Hamm

09.10.2018

+++Programmreihe+++

Seminar "Übungen zur DIN V 18599" in Hamm

10.10.2018

+++Programmreihe+++

"Prüfung zur DIN V 18599" in Hamm

11.10.2018

+++BNB-Seminar+++

"Einführung in das Nachhaltige Bauen" - Seminar in Hamm