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Meldungsarchiv

Nachhaltiges Bauen im Überblick

Das Nachhaltigkeitsteam des Öko-Zentrums NRW (v.l.: Jürgen Veit, Bettina Kasper, Kerstin Zimmermann)

„Jeder macht was er will, keiner macht was er soll, aber alle machen mit“. Nun gut, ganz so schlimm ist es nicht beim Nachhaltigen Bauen in Deutschland. Aber angesichts der vielen Akteure und Aktivitäten kann die Übersicht leicht verloren gehen - daher hier der Versuch einer prägnanten Bestandsaufnahme.
Nicht wiederholen möchten wir (meint: das Nachhaltigkeitsteam des Öko-Zentrums NRW) dabei die Vergleiche zwischen DGNB, BNB und den diversen ausländischen Systemen. Dargestellt werden soll die Umsetzung der verschiedenen Systeme und Akteure. Das Nachhaltigkeitsteam tut dies nach bestem Wissen und Gewissens und sowie mit langjähriger Markterfahrung. Sehen Sie uns nach, sollte dennoch ein Handlungsstrang fehlen.
Nachhaltiges Bauen – Planungs- und Zertifizierungssysteme
Nachhaltiges Bauen ist in allen Systemen als „Wertesystem“ zu sehen. Darin werden Qualitäten gefordert, die meist Übererfüllungen der gesetzlichen Anforderungen sind. Die Zielkonflikte, die bei der Optimierung der ökologischen, ökonomischen, soziokulturellen und technischen Qualitäten auftreten, können zielführend überwunden werden. Dies muss durch hohe Qualität des Planungsprozesses umgesetzt werden. In der Regel ist dazu ein Koordinator / Consultant notwendig, der auch die dafür notwendigen Dokumentationen erwirkt bzw. selbst erstellt. Die Abschlussdokumentation wird zur Konformitätsprüfung / Zertifizierung dem Auditor einer Prüfstelle übergeben. Die Begrifflichkeiten der beschriebenen Funktionen „Koordinator / Auditor / etc.“ werden uneinheitlich in den einzelnen Systemen benutzt. Hinzu kommen noch mehr oder weniger entschlossene, berufsständische Positionierungen – z.B. von den Kammern. Da die Nachhaltigkeitsbewertung an Benchmarks gemessen wird, gibt es verschiedene Gebäudetypologien. Der Einstieg der Entwicklung und auch bei Schulungen geschieht meist mit dem Neubau von Bürogebäuden. Zum einen verstehen sich die Systeme als Zertifizierungssystem (dieser Aspekt steht bei den privatwirtschaftlichen Systemen –DGNB, LEED, etc.- im Vordergrund) zum anderen sind aber auch Planungssysteme, was vor allem bei BNB betont wird.
International aufgestellte Immobilienbesitzer und Unternehmen möchten LEED oder BREEAM
Die Briten waren Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts die Ersten, die mit der Entwicklung und Einführung der Environmental Assessment Method des Building Research Establishment, kurz BREEAM ein Bewertungssystem für Gebäude hervor gebracht haben. In den folgenden Jahren entwickelten sich weitere Nachhaltigkeitszertifikate wie LEED (USA) mit landesspezifischen Ablegern wie z.B. LEED ITALIA (Italien). Beide Systeme haben einen eher qualitativen Ansatz und basieren zudem nicht auf deutschen Normen. Ihre Anwendung verursacht damit parallele Ausarbeitungen z.B. für die Berechnung des Energiebedarfs. Trotzdem lassen Unternehmen – wie z.B. die Deutsche Bank – ihre Immobilien nach LEED zertifizieren, um ihren internationalen Immobilienbestand vergleichen zu können. Momentan sind ca. 160 LEED- und ca. 80 BREEAM-zertifizierte Gebäude in Deutschland gelistet. Eine LEED-Zulassung nach deutschen Standards ist geplant und wird bei internationalen Treffen diskutiert. Seit dem letzten Jahr gibt es von BREEAM einen deutschen Ableger, der 2012 vom Deutschen privaten Institut für Nachhaltige Immobilienwirtschaft gegründet wurde.
DGNB und der Leitfaden Nachhaltiges Bauen des Bundes mit BNB
Es war ein gemeinschaftlicher Start: das BMVBS und die privatwirtschaftliche DGNB entwickelten ein Bewertungssystem der „zweiten Generation“, das nicht nur auf qualitativen, sondern auf quantitativ mess- und berechenbare Kenngrößen basiert. Grundsätzlich handelt es sich dabei um eine werkvertragliche und privat zu vereinbarendes Regelung. Der Bund will im Rahmen seiner Ziele für eine Nachhaltige Entwicklung eine Vorbildfunktion einnehmen und schreibt daher die Anwendung des Leitfadens Nachhaltiges Bauen mit dem Bewertungssystem BNB für seine Gebäude vor. Nach einer gewissen Anfangsphase trennten sich die Wege von DGNB und BNB.
DGNB allein
Die DGNB hat mittlerweile über 400 Auditoren ausgebildet. Bei der DGNB sind dies diejenigen Personen, die akkreditiert werden, um Dokumentationen einreichen zu dürfen. Die Steckbriefe, nach denen die Bewertung erfolgt, sind nur den Auditoren zugänglich. Die Konformitätsprüfung und Zertifikatsvergabe erfolgt durch die DGNB intern. Es gibt aktuell über 700 Gebäude in verschiedenen Arbeitsstufen des Zertifizierungsprozesses.
Leitfaden Nachhaltiges Bauen des Bundes mit BNB
Mit Erlass vom März 2011[1] und dem Erlass vom Mai 2012[2] müssen alle Neubauten des Bundes von Büro-und Verwaltungsgebäuden mit einer Bausumme größer als 1 Million[3] Euro nach den Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen BNB eine Bewertung durchführen und nach Fertigstellung des Gebäudes den Silberstandard, das heißt einen Erfüllungsgrad von mindestens 65 % erreichen und nachweisen. Davon betroffen sind alle Stellen, die für Bundesbauten zuständig sind. Weitere Erlasse präzisieren und erweitern die Vorgabe.[4] Dies betrifft insbesondere die „Organleihe“, dies sind Behörden der Länder, die für den Bund diese Aufgabe wahrnehmen.
Weitere Systemvarianten für die Bewertung von Bestandsgebäude, Modernisierungen, Außenanlagen und Unterrichtsgebäude wurden entwickelt, befinden sich in der Erprobungsphase oder wurden bereits veröffentlicht. Die Anwendung weiterer Systemvarianten ist derzeit noch nicht zwingend vorgeschrieben. Alle Unterlagen zu dem System stehen im Internet: www.nachhaltigesbauen.de. Momentan erfolgt die Konformitätsprüfung für Bundesbauten nach BNB durch das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). Ab 2014 besteht diese Möglichkeit nicht mehr. Zu diesem Zeitpunkt müssen die Einrichtungen der „Organleihe“ eigene Konformitätsprüfstellen eingerichtet haben.
Auch wenn dies nur für den Bundesbau gilt, ist damit das BNB in den Organisationen der Landesbauverwaltungen angekommen und kann – nicht unbeabsichtigt und vom Verfasser BMVBS gern gesehen – von den Landesbauverwaltungen übernommen werden. Einige Bundesländer und auch einige Kommunen verfolgen dies aktiv und haben Pilotprojekte gestartet.
In der Bundesbauverwaltung heißen die Personen, welche die Umsetzung des BNB beraten „BNB-Koordinatoren (Bund)“. Überwiegend wird diese Aufgabe als Bauherrenaufgabe gesehen und deshalb behördenintern wahrgenommen. Die Koordinatoren wurden nach einem einheitlichen Curriculum geschult. Verantwortlich hierfür ist das BBSR. Die Schulungen werden aktuell in Verbindung mit der Organleihe durch das Finanzministerium des Saarlandes organisiert. Das Curriculum und die bisher 7 Lehrgangszüge wurden vom Öko-Zentrum NRW erstellt bzw. durchgeführt.
BNB nicht nur für Bundesbauten – auch für private und andere öffentliche Bauwerke
Das BNB steht frei im Netz und kann von öffentlichen Baubehörden und von Privateinrichtungen genutzt werden. Details hierzu regelt das BMVBS.
Die Zertifizierung Bau GmbH hat das erforderliche Einvernehmen mit dem BMVBS hergestellt und eine Konformitätsprüfungs- und Zertifizierungsstelle BNB eingerichtet.
Anders als bei der DGNB kann hier der betreffenden ISO-Norm für Zertifizierungsstellen folgend, jedermann Objektdokumentationen einreichen. Eine Schulung hierfür ist nicht Voraussetzung, aber in der Praxis zwangsläufig unumgänglich. Es muss erwartet werden, dass bei der Zertifizierungsstelle eingereichte Unterlagen, die von Personen zusammengestellt wurden, die nicht mit den BNB – Inhalten vertraut sind, es zu höheren Kosten für die Zertifizierung und schlechteren Ergebnissen bei der Bewertung kommt. Die Gründe dafür sind z.B. mehrfach einzureichende Unterlagen oder schlechtere Bewertungen, da Voraussetzungen für das Erreichen einer besseren Punktzahl während der Planungsphase nicht beachtet wurden.
Als einer von drei Ausbildungsanbietern wird das Öko-Zentrum NRW eine BNB-Koordinatoren-ausbildung anbieten. In insgesamt 8 Schulungsdurchgängen in Kombinationen mit einer Reihe von eigenen Nachhaltigkeitskoordinierungen konnten wir die Teilnehmerbelange und Praxisanforderungen verinnerlichen und zu einem ganzheitlichen Leistungsbild in der Lehre verdichten.
Einen eigenen Weg mit BNB verfolgt die Steinbeis-Stiftung. Über die Steinbeis – Hochschule – Berlin GmbH bietet sie einen grundlagenorientierten Lehrgang und eine „hauseigene“ Konformitätsprüfung an, für die allerdings nur eigene Absolventen zugelassen sind – eine zur DGNB analoge Regelung.
Es gibt weitere Bildungsanbieter zum Nachhaltigen Bauen, die aber die direkte Dualität von Schulung und Konformitätsprüfung nicht unterstützen. Erfolgreiche Koordination und Objektdokumentationen dürften damit eher fraglich sein.
"Jeder macht was er will, keiner macht was er soll, aber alle machen mit“ - Orientierung für Interessierte
Man kann bis hierher also sehen, dass zumindest Viele mitmachen beim Thema Nachhaltigkeit, jeder wie er will. Das „Sollen“ ist mehr als allgemeiner Appell an die Nachhaltigkeit zu sehen. Es funktioniert bisher nur ein Muss, das verordnet wird oder, das durch Marktvorteile erwirkt wird. Wünschenswert wäre eine Harmonisierung durch Normen. Ein solcher Prozess ist eingeleitet, kann aber in sehr weiter Ferne erst Früchte in der Praxis tragen. Die Mehrgleisigkeit kann dies nicht verhindern.
Jetzt bleibt es also den Einzelnen selbst überlassen, wie sie auf die Rahmenbedingungen mit ihrem Unternehmen, ihrer Behörde oder in der ganz persönlichen Berufsplanung reagieren. Dabei gibt es drei Fragen, um die sich fast alles dreht:
• Welche Auswirkungen auf die Kosten (Planung, Investition, Betrieb) sind mit dem Nachhaltigen Bauen verbunden?
Die Beantwortung dieser Frage hängt sehr stark vom Ausgangspunkt der bisher bei den Betroffenen vorzufindenden Planungs- und Bauqualität ab. Kostenfeststellungen können dazu sehr unterschiedlich ausfallen. Noch ist der Leitgedanke des Nachhaltigen Bauens durch bessere Planung Lebenszykluskosten minimieren weder belegt noch wiederlegt. Eher schon ist die Verbesserung der Nutzungsqualität – und damit Komfort und Produktivität der Nutzer – bei den einzelnen Kriterien der Innenraumqualität darstellbar.
• Wie positioniert man sich in und zu dem Thema?
Der Bundesbau muss sich an die Erlasse halten. Im Bundesbau sieht man die Koordinatorenaufgabe überwiegend als Bauherrenaufgabe. Freiberufliche Planer, die im Bundesbau arbeiten, sind also gut beraten, das System zu beherrschen und werden sicherlich Vorteile haben, wenn sie den BNB-Koordinatoren (Bund) des Auftraggebers zielführende Bearbeitungen zusichern können.
Im Landesbau können alle Bewertungssysteme zur Anwendung kommen. Es ist zu erwarten, dass zumindest einige Länder BNB als Standard einführen – was übrigenges unabhängig von den jeweils regierenden Parteien ist! Was die Nachhaltigkeitskoordinierung angeht, so ist dies ähnlich wie beim Bund zu sehen – diese Aufgabe könnte aber in Ländern sowohl durch BNB, als auch durch DGNB erfüllt werden. Wenn die Länder (anlässlich der Organleihe für den Bund) eigene Konformitätsprüfungsstellen betreiben, entfallen bei BNB gegenüber DGNB-Zertifizierungen die externen Gebühren. Eine Sonderrolle spielen die Militärliegenschaften der militärischen Bündnispartner in Deutschland, die von den Landesbetrieben betreut werden. Für die amerikanischen Liegenschaften ist LEED angesagt, für die britischen BREEAM.
Kommunen, Gebietskörperschaften und private Bauherren haben die freie Wahl. Während für den Landesbau die Entscheidung -bedingt durch die internen Konformitätsstellen- zu BNB tendieren dürfte, können die genannten Profit- und Nonprofit-Organisationen mittlerweile am freien Zertifizierungsmarkt wählen: BNB, DGNB, LEED oder BREEAM könnten parallel den Immobilienmarkt für Nichtwohngebäude prägen.
Natürlich haben wir ein bisschen Werbung versteckt – hoffen Ihnen aber auch einige Informationen an die Hand gegeben zu haben. Wir bieten nun also einen Lehrgang für BNB-Koordinatoren an und zur Information vorab auch eine Einzelveranstaltung.

Ihr Nachhaltigkeitsteam vom Öko-Zentrum NRW
(Jürgen Veit, Bettina Kasper, Kerstin Zimmermann)



[1]
Erlass 2010/554/D BMVBS 2011: Verpflichtenden Einführung des Leitfadens Nachhaltiges Bauen für ausgewählte Büro- und Verwaltungsgebäude (Neubau), Schreiben des Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung vom 03.03.2011
[2]
Erlass BMVBS 2012: Verpflichtende Umsetzung des Leitfadens Nachhaltiges Bauen für alle Büro- und Verwaltungsneubauten ab der ES-Bau, Schreiben des Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung vom 14.05.2012
[3]
bis 2012 für Gebäude > 10 Mio bei Erstellung der ES-Bau
[4] Erlass BMVBS 2011: Energetischen Vorbildfunktion von Bundesbauten – Vorgaben zur Unterschreitung der Anforderungen zur Energieeinsparverordnung 2009 (EnEV), Schreiben des Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung vom 19.03.2011

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